| Wirtschaftskrise |
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| Geschrieben von: Administrator | ||
| Samstag, 19. Juli 2008 um 20:20 Uhr | ||
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Der Reichtum einer Volkswirtschaft ist in physikalischer Hinsicht nichts weiter als ein Produkt der Energie- und Rohstoffmengen, die dieser Volkswirtschaft zur Verfügung stehen, und der Effizienz (des „Wirkungsgrads“), mit der diese Energie- und Rohstoffmengen in Waren und Dienstleistungen umgesetzt werden. Eine Verringerung der zur Verfügung stehenden Energie muss also – sofern nicht gleichzeitig eine ebenso hohe Erhöhung der Effizienz erfolgt – zwangsläufig einen Rückgang der Wirtschaftsleistung nach sich ziehen. Dabei ist nicht jede Energieform gleichwertig: Mit Atomkraft kann man beispielsweise Strom erzeugen, für den Antrieb von Fahrzeugen ist sie etwas unhandlich. Für Wind- oder Wasserkraft gibt es nur wenige Speichermöglichkeiten, Biomasse steht nicht in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Erdöl ist in dieser Hinsicht einzigartig, denn kein anderer Energieträger ist gleichzeitig derart transportabel, lagerfähig und ungefährlich in der Handhabung und hat gleichzeitig einen so hohen Energiegehalt. Darüber hinaus ist es auch noch als Rohstoff für die chemische und pharmazeutische Industrie von allergrößter Bedeutung. Wenn es sich plötzlich verteuert, kann man nicht einfach auf einen billigeren Ersatzstoff ausweichen. Eine Erhöhung der Erdölpreise hat daher Auswirkungen auf so gut wie alle Lebensbereiche: Bei Häusern mit Ölheizungen steigen die Heizkosten, der tägliche Weg zur Arbeit für die Autopendler schägt höher im monatlichen Budget zu Buche, Fluggesellschaften verlangen Kerosinaufschläge, Chemiefirmen müssen mehr für ihre Grundstoffe ausgeben, Reedereien haben höhere Frachtkosten. Tatsächlich verteuern sich so gut wie sämtliche Straßen- und Seetransporte, und da der Großteil aller Nahrungsmittel und Konsumgüter nicht in fußläufiger Entfernung vom Verbraucher hergestellt wird, steigen fast alle Preise (natürlich ist der Ölpreis nicht der einzige Faktor der Preisbildung, aber doch ein wesentlicher). Das für Erdöl ausgegebene Geld aber fehlt dann aber woanders – die Verbraucher müssen sparen und schieben Anschaffungen hinaus oder gehen zum Discounter statt in den Bioladen, Restaurants und Vergnügungsparks haben weniger Gäste, die Urlaubsreise wird von Kenia nach Rügen verlegt, Schuldner können ihre Kredite nicht mehr bedienen usw. Es gibt eine„Wirtschaftskrise“, wie 1973 oder 1981 nach den ersten beiden Ölschocks.
Von 2004 bis 2008 konnte man diesen Mechanismus wiederum lehrbuchmäßig ablaufen sehen: Nachdem die Ölförderung seit Ende 2004 etwa gleich geblieben war, das nominale Weltwirtschaftswachstum aber weiterhin um die 5 Prozent pro Jahr betrug (siehe das obere Diagramm), kletterte der Ölpreis, zunächst langsam, dann ab Ende 2007 explosionsartig von etwa 40 auf nicht weniger als 147 US-Dollar im Juni 2008. Immer mehr Amerikaner, die auf steigende Werte ihrer Eigenheime gewettet und sich bis ans irgend mögliche verschuldet hatten, um ihren gargantuesken Konsumbedarf zu befriedigen, konnten sich ihre Hypothekenraten nicht mehr leisten, was noch dadurch verschlimmert wurde, dass die Hypothekenvergabe seit den 90ern extrem lax gehandhabt worden war und viele Darlehensnehmer eigentlich keinerlei Bonität besaßen. In den staatlichen Statistiken tauchten die hohen Energiepreise als „Inflation“ auf, und prompt reagierte die US-Zentralbank und erhöhte seit 2004 kontinuierlich Zinsen, um die Geldmenge im Zaum zu halten. Dadurch kamen die verschuldeten Hauseigentümer noch weiter in die Klemme, denn die Zinsen ihrer variablen Hypotheken stiegen, und dann sank schließlich der Wiederverkaufswert ihrer Häuser, der jahrelang immer nur gestiegen war, weil neue Kredite nur noch spärlich vergeben wurden. Das letzte Glied dieses Kettenbriefsystems gab nach, und die Folgen sind bekannt: Das US-Bankensystem brach zusammen, die Börsenkurse implodierten, eine Welle von Quasi-Verstaatlichungen und Beinahe-Staatsbankrotten setzte ein, und niemand weiß derzeit, wie viele Opfer die Ausweitung der Krise auf die Renten- und Versicherungsmärkte noch fordern wird. Das soll nicht heißen, der hohe Ölpreis hätte als einsamer Heckenschütze ein fundamental gesundes und gerechtes Weltwirtschaftssystem niedergeschossen – weder ist die Energie das einzige Problem der Weltwirtschaft, noch ist diese gesund oder gar gerecht. Aber letzten Ende basierte das Kettenbriefsystem des sich immer weiter mehrenden Reichtums auf der Annahme eines immerwährenden Wirtschaftswachstums, dem es zu verdanken gewesen wäre, dass heutige Kredite mit den zusätzlich in der Zukunft erwirtschafteten Werten abbezahlt werden könnten. In diesem Sinne ist der Finanzcrash nichts weiter als die Anpassung der beiden Kurven in der oberen Grafik – wenn die physische Grundlage von Waren und Dienstleistungen nicht mehr ansteigt, ist jedes Wachstum nur Scheinwachstum (vorbehaltlich größerer Quantensprünge bei der Effizienz, von denen aber keine Rede sein kann). Die nominale Wirtschaftsleistung muss dann wieder auf einen Wert gebracht werden, der dem Energieverbrauch entspricht. Dies ist, wenn man so will, die erste der „Grenzen des Wachstums“, von denen vor fünfunddreißig Jahren so viel die Rede war. Wenn das Finanzsystem in ein paar Jahren wieder einigermaßen reibungslos funktioniert und der Ölbedarf wieder steigt, ist der Niedergang der alten Felder schon weit vorangeschritten, und der zwischenzeitlich wieder relativ niedrige Ölpreis dürfte die Erschließung exotischer Alternativen wie Ölsand und Tiefseeöl unwirtschaftlich gemacht haben, so dass eine nochmalige Ausweitung der Fördermenge zurück auf die jetzige Höhe unrealistisch erscheint. In diesem Fall wäre der genaue Zeitpunkt des Hubbert-Maximums (das damit bereits hinter uns läge) nur sekundär durch geologische, primär aber durch wirtschaftliche Faktoren bestimmt. |
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| Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 25. November 2008 um 20:55 Uhr |




