Start Hubbert-Maximum Häufig gehörte Einwände
Häufig gehörte Einwände PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Bernd   
Montag, 18. August 2008 um 15:58 Uhr

Das Hubbert-Maximum gehört auch 50 Jahre nach seiner Entdeckung durch L. Marion Hubbert nicht unbedingt zum Allgemeinwissen. Wer zum ersten Mal mit dem Thema konfrontiert wird, reagiert in der Regel ablehnend, weil er noch nie etwas davon gehört hat, oder er hat sofort eine Reihe von Einwänden parat. Im Folgenden finden Sie Informationen zu solchen scheinbaren Gegenargumenten:

  • Für den hohen Ölpreis sollen doch Spekulanten verantwortlich sein?
  • Ich habe gelesen, dass Ölfirmen mit neuer Technik mehr aus alten Lagerstätten herausholen wollen – steigt die Höhe der Reserven nicht durch den technischen Fortschritt immer weiter an?
  • Es werden doch immer wieder neue Ölfelder gefunden, etwa in Zentralasien oder in der Tiefsee?
  • Warum gewinnen wir dann nicht einfach wieder Flüssigtreibstoff aus Kohle, das wurde doch Ende der 70er schon gemacht?
  • Und wenn ich mein Auto auf Erdgasbetrieb umrüste?
  • Aber es gibt doch Ölsand und andere „unkonventionelle“ Kohlenwasserstoffe, Methan zum Beispiel?
  • Ich habe gelesen, dass Erdöl „abiotisch“ in der Erdkruste aus Methan entstehen soll – dann ist es doch eigentlich unendlich verfügbar, oder?
  • Was ist mit Biodiesel, Ethanol, Wasserstoffzellen, Elektroautos?
  • Und wenn wir ganz viele Kernkraftwerke bauen und nur noch elektrische Energie nutzen?
  • Wenn das alles so ist, warum hört man denn in den Medien nichts davon?
  • Warum tun die Politiker nichts?

 

Für den hohen Ölpreis sollen doch Spekulanten verantwortlich sein?

Eine extra zur Beantwortung dieser Frage einberufene US-Regierungskommission, die „Interagency Task Force on Commodity Markets“, veröffentlichte im Juli 2008 einen Bericht, der die folgende interessante Grafik mit der Entwicklung von Ölförderung und Weltwirtschaftswachstum seit 2002 zeigt (relative Entwicklung mit Index 2002 = 100, „World GDP“ = Welt-Bruttoinlandsprodukt, „Oil Production“ = Ölförderung):

 

ITFC-Diagramm

 

Wie unschwer zu sehen ist, hält die Förderung seit Ende 2004 nicht mehr mit dem Wachstum mit. Das ist ungewöhnlich – wenn die Wirtschaft wächst, werden normalerweise mehr Güter produziert, mehr Dienstleistungen erbracht, das Verkehrsaufkommen steigt, und die Konsumenten können sich mehr Luxusgüter wie etwa Fernreisen leisten. Für all das ist die weltweite Nummer 1 unter den Energieträgern und den Grundstoffen für die chemische Industrie erforderlich: Erdöl. Da nun kaum anzunehmen ist, die technische Entwicklung hätte 2004 einen derart großen Sprung gemacht, dass alle Maschinen weltweit plötzlich weniger Ölprodukte benötigen, um dieselbe oder sogar eine höhere Leistung zu erbringen, muss das fortgesetzte Wirtschaftswachstum (ca. 20 % seit 2004) einen erhöhten Erdölbedarf mit sich gebracht haben, der aber von der Förderung nicht mehr gedeckt wurde. Wie aus dem kleinen Einmaleins der Wirtschaftslehre bekannt ist, zieht eine ungedeckte Nachfrage eine Erhöhung der Preise nach sich – und genauso ist es gekommen. Stand der Preis für ein Fass der Referenzsorte US-Leichtöl 2004 noch bei 32 US-Dollar, stieg er bis zum Sommer 2008 auf ca. 115 US-Dollar an, zwischenzeitlich hatte er sogar beinahe 150 US-Dollar erreicht. Allerdings ist die Förderung im ersten Halbjahr 2008 wieder etwas gestiegen, was zu einer leichten Entspannung am Markt führte. Der Einbruch des Ölpreises im Herbst 2008 auf bis unter 50 US-Dollar war dann der Finanzkrise und der beginnenden Rezession in mehreren Industriestaaten zu verdanken.

Das soll nicht heißen, dass es auf den Ölmärkten keine Spekulation gäbe. Wenn besonders viele Anleger Öloptionen nachfragen, steigt zunächst deren Preis, unabhängig davon, wie groß Angebot und Nachfrage beim tatsächlichen physischen Rohstoff gerade sind. Im Gegensatz zu Aktien muss eine Rohstoffoption allerdings irgendwann eingelöst werden, d. h. es erfolgt eine tatsächliche Öllieferung, wenn man also seine Option nicht rechtzeitig verkauft (zum dann geltenden Marktpreis, also mit Gewinn oder Verlust), muss man schon ein sehr großes Öllager haben, um die Lieferung dann auch unterbringen zu können. Verkaufen aber bei sinkenden Preisen die Spekulanten ihre Optionen, um sie möglichst schnell wieder loszuwerden oder weil sie ohnehin auf fallende Preise gewettet hatten, beschleunigt dies die Abwärtsbewegung. Es spricht vieles dafür, dass dies im Juli und August 2008 der Fall war. Der übermäßige Anstieg in der ersten Jahreshälfte wäre also zumindest teilweise auf Spekulanten zurückzuführen, nicht aber der Anstieg überhaupt – schließlich kann man letztendlich ohnehin nur mit knappen oder als knapp erwarteten Rohstoffen spekulieren.

Eine Stimme der Vernunft, der erfahrene saudische Öl-Experte Sadad al-Husseini, sagte im Herbst 2007 auf der Oil & Money Conference in London einen einen Anstieg der Rohölpreise aus technischen Gründen um ca. 12 Dollar pro Jahr und Barrel voraus, weitere Preisspitzen seien durch Fundamentaldaten nicht gerechtfertigt. Die Preisentwicklung vom Oktober 2007 bis zum Juni 2008 verlief dann zunächst wesentlich heftiger, aber die jüngsten Rückgänge scheinen eher die vorsichtige Position al-Husseinis zu bestätigen. Es gäbe demnach einen langsamen, aber unaufhaltsamen Anstieg der Ölpreise wegen des drohenden Hubbert-Maximums, der aber immer wieder von unkontrollierbaren „Spekulationsblasen“ und deren Platzen begleitet wäre.

Genau diese Ansicht wird auch von Meisterspekulant George Soros vertreten, der am 03. Juni 2008 bei einer im US-Senat angehaltenen Anhörung zur Frage der Manipulation von Energiemärkten seine Interpretation der Geschehnisse darlegte:

Haben wir also gerade eine Spekulationsblase? Die Antwort lautet, dass es eine Spekulationsblase gibt, die sich einem generellen Aufwärtstrend bei den Ölpreisen überlagert, und dieser Trend hat eine starke Verankerung in der Realität. Es ist unbestreitbar, dass die Nachfrage stärker steigt als die Versorgung mit verfügbaren Reserven, und dies würde sich auch dann fortsetzen, wenn Spekulation und Indexkäufe von Rohstoffen durch große Fonds eliminiert würden. [...] Solange es keine alternativen Energiequellen gibt, wird der Ölpreis zwangsläufig unaufhörlich steigen. Nur, wenn wir bereit sind, mit höheren Preisen zu leben, um alternative Treibstoffe entwickeln zu können, dürfen wir darauf hoffen, eine Wende im langfristigen Aufwärtstrend der Ölpreise zu erleben.

Anders gesagt: Es steht zu erwarten, dass es beim Ölpreis in den nächsten Jahren weiter heftige Auf- und Abwärtsbewegungen geben wird, die sowohl der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung als auch spekulativen Tendenzen zu verdanken sind. Im Falle einer großen Weltwirtschaftskrise (die sich ja derzeit anzudeuten scheint) würde der Bedarf an Erdöl zurückgehen, die Förderung wäre wieder ausreichend, und ein Fall der Barrel-Preise auf 30 Dollar oder weniger wäre absolut nicht ausgeschlossen. Man könnte auch sagen: Die Wirtschaftskrise wäre die Anpassung an die Realität einer Erdölversorgung, die für eine höhere Wirtschaftsleistung nicht mehr ausreicht. Weniger angenehm ist natürlich der Umstand, dass sich der Einzelne möglicherweise sein Heizöl auch bei niedrigen Rohölpreisen nicht mehr leisten kann, weil er wegen einer Weltwirtschaftskrise seine Arbeit verloren hat.

 


 

Ich habe gelesen, dass Ölfirmen mit neuer Technik mehr aus alten Lagerstätten herausholen wollen – steigt die Höhe der Reserven nicht durch den technischen Fortschritt immer weiter an?

Das Hubbert-Maximum ist keine Frage der Höhe von Reserven, sondern der Geschwindigkeit, mit der diese Reserven aus dem Boden geholt werden können. Hubbert und seine modernen Nachfolger behaupten weder, dass überhaupt keine neuen Ölfunde mehr getätigt werden, noch dass die Menge des insgesamt förderbaren Öls durch neue Technik nicht gesteigert werden könnte. Sie verwenden sogar ein ausgeklügeltes Verfahren namens „Rückdatierung“ (siehe Studie der LBS, S. 14 ff), mit dem diese Steigerung auf die ursprünglichen Funde angerechnet werden kann. Im Kontext der Hubbert-Theorie zählt die „tertiäre“ oder sogar „quartäre“ Ölgewinnung durch neue Techniken zu den „kleinen und schwer zu erschließenden Ressourcen“, die den Förderrückgang der alten Riesenfelder nicht mehr ausgleichen können. Zweifellos ist noch mindestens die Hälfte des überhaupt förderbaren Öls in der Erde vorhanden, vielleicht sogar noch mehr, und wahrscheinlich wird man auch in hundert Jahren noch in irgendeiner Form Erdöl fördern – nur in wesentlich geringeren Mengen, als dies heute der Fall ist.

Bei aller Begeisterung für den Erfindungsgeist des Menschen darf man nicht vergessen, dass diese neuen Fördermethoden – man plant beispielsweise schon länger den Einsatz spezieller Mikroorganismen im Rahmen einer „Microbial Enhanced Oil Recovery“, um die Viskosität von Ölrückständen in einer Lagerstätte so zu erhöhen, dass sie gefördert werden können – in der Regel so kapital- und zeitintensiv sind, dass dadurch kein entscheidender Ausgleich für das immer weniger werdende „bequeme Öl“ zu erwarten ist. Und selbst wenn wir alle unsere technischen und finanziellen Ressourcen in die Waagschale werfen würden, um möglichst schnell auch noch den letzten Tropfen aus einem Ölfeld zu pressen – das Ergebnis wäre immer noch Öl, das sehr viel teurer ist, als wir das in den letzten Jahrzehnten gewohnt waren.

 


 

Es werden doch immer wieder neue Ölfelder gefunden, etwa in Zentralasien oder in der Tiefsee?

Auch diese Felder zählen zu den kleinen oder schwer zu erschließenden Lagerstätten, die man erst jetzt findet und ausbeutet, da keine bequem auszubeutenden Riesenfelder mehr zur Verfügung stehen. Ein gutes Beispiel dafür ist Kaschagan, ein 2000 entdecktes Ölfeld am kasachischen Nordufer des Kaspischen Meeres. Kursierten zunächst Größenangaben von bis zu 30 Milliarden Barrel (immerhin fast ein Welt-Jahresverbrauch), geht man derzeit nur noch von 9 bis 11 Milliarden Barrel an förderbaren Reserven aus. Dazu kommen enorme technische Schwierigkeiten, das Feld überhaupt erschließen zu können: Die Lagerstätte steht unter sehr hohem Druck und enthält Schwefelwasserstoff in potenziell tödlichen Konzentrationen, daher ist teure Spezial- und Schutzausrüstung erforderlich. Außerdem liegt die Förderplattform im flachen Randbereich des Kaspischen Meeres, und das mit der Förderung beauftragte Firmenkonsortium unter Leitung der italienischen ENI muss neben politischen Querelen auch mit den Schlammsedimenten einer nahen Flussmündung und starkem Eisgang im Winter fertig werden. Bis jetzt wurde keine befriedigende Lösung gefunden, und so hat sich der Beginn der Förderung vom anfänglich anvisierten 2005 auf (aktuell) 2012 oder sogar 2014 verschoben, und die Kostenschätzungen für das Erreichen einer langfristig stabilen Förderung von 1 Millionen Barrel/Tag sind von 56 auf 136 Milliarden US-Dollar explodiert.

Wie im Juni 2008 in einem dankenswert ausführlichen Artikel in der ZEIT dargelegt wurde, gilt Ähnliches auch für das angeblichen Riesenölfeld „Carioca“ vor der Küste Brasiliens: Weder ist das Reservoir überhaupt ausreichend erforscht, um die anfängliche Größenangabe von 33 Milliarden Barrel bestätigen zu können, noch weiß man, wie man langfristig die zähflüssigen, unter hohem Druck stehenden Salzschichten überwinden will, unter denen sich die Lagerstätte befindet, noch hat irgendjemand eine Ahnung, wie teuer das alles wird.

Um es noch einmal zu betonen: Das Überschreiten des Hubbert-Maximums bedeutet nicht, dass kein Öl mehr gefördert oder neu gefunden würde. Es bedeutet, dass neue Felder wie Kaschagan oder Carioca nicht mehr schnell genug in Produktion gehen und ihre maximal erreichbare Fördermenge zu niedrig ist, um den Niedergang der alten Elefantenfelder zu kompensieren. Für die Grenzkosten der Ölförderung, also die Kosten, mit denen bei neu gestarteten Projekten gerechnet wird, werden aktuell Werte zwischen 70 und 100 US-Dollar pro Barrel angegeben (laut EIA kostete 2004-2006 bereits die normale Offshore-Förderung in den USA knapp 70 US-Dollar pro Barrel), langfristig ist also auch in dieser Hinsicht nicht damit zu rechnen, dass der Ölpreis durch neue Funde wieder sinken wird.

 


 

Warum gewinnen wir dann nicht einfach wieder Flüssigtreibstoff aus Kohle, das wurde doch Ende der 70er schon gemacht?

In der Tat hat die damalige Bundesregierung als Reaktion auf die erste Energiekrise im Rahmen des „Programms Energieforschung“ zwischen 1977 und 1989 sieben Pilotanlagen zur Kohleveredelung (Vergasung bzw. Verflüssigung) nach einem bereits 1925 von den Chemikern Franz Fischer und Hans Tropsch erfundenen Verfahren bauen lassen. Nach dem Einbruch der Ölpreise in den 1980er Jahren rechneten sich die Anlagen allerdings nicht mehr und wurden nach und nach abgeschaltet und demontiert bzw. für andere Zwecke umgerüstet.

Fraglich ist hier vor allem, wie schnell eine entsprechende industrielle Infrastruktur überhaupt aufgebaut werden könnte. In letzter Zeit kursieren beispielsweise Nachrichten, nach denen in China und den USA wieder größere Anlagen gebaut werden sollen. Aufgrund der Preisexplosion bei allen Rohstoffen (neben Öl vor allem Stahl) steigen aber auch hier die projektierten Baukosten immer wieder, weswegen Aussagen wie „ab einem Ölpreis von XY Dollar pro Barrel rechnet sich die Kohleverflüssigung“ mit Vorsicht zu genießen sind – in einer klassischen Milchmädchenrechnung werden hier die Projektkosten als fix betrachtet, während die Ölpreise immer weiter steigen sollen. Dem besseren Verständnis dient auch ein Blick auf die Geschichte, denn das Fischer-Tropsch-Verfahren wurde bereits im Zweiten Weltkrieg vom Deutschen Reich im großen Umfang eingesetzt, um den Mangel an Flüssigtreibstoffen auszugleichen. Theoretisch wäre damals genügend Kohle verfügbar gewesen, um Panzer, Schlachtschiffe und Bomber auch ohne einheimische Ölquellen anzutreiben, in praktischer Hinsicht hatte die deutsche Volkswirtschaft jedoch eine endliche Leistungskraft und viele andere Aufgaben, sodass nicht unendlich viele Anlagen gebaut werden konnten. Am Ende des Krieges zogen dann amerikanische und britische Bomber mit texanischem Öl betrieben über Deutschland, während die Abfangjäger wegen Treibstoffmangel am Boden bleiben mussten.

Eine Ersetzung von Benzin und Diesel durch Flüssigkohle ist außerdem in klimapolitischer Hinsicht nicht wünschenswert. Einer Berechnung des Umweltbundesamtes zufolge (Näheres hier) werden bei der Fischer-Tropsch-Synthese sechzig Prozent der eingesetzten Kohle für den Prozess selbst verbraucht, eine Tonne synthetisches Öl verursacht also denselben Kohlendioxidausstoß wie zweieinhalb Tonnen Kohle. Würde ein großer Teil des derzeitigen (und vor allem des zukünftigen) Ölbedarfs durch Kohleverflüssigung ersetzt, wären sämtliche Kohlendioxid-Reduktionsziele Makulatur.

Darüber hinaus ist nicht einmal sicher, ob die Kohlevorräte tatsächlich noch so lange reichen, wie immer behauptet wird. Da Kohle als Energieträger lange nur sekundäre Bedeutung hatte, liegen die letzten Reservenberechnungen in der Regel mehrere Jahrzehnte in der Vergangenheit und sind möglicherweise nicht zuverlässig. Eine Studie der Energy Watch Group (leider nur auf Englisch verfügbar, Interview mit einem der Autoren hier) kam 2007 zu dem ernüchternden Ergebnis, dass offenbar eine dramatische Überbewertung der Reserven vorliegt und bereits um 2025 mit einem Hubbert-Maximum auch für die Kohleförderung zu rechnen ist. In der folgenden linken Grafik ist deutlich das Fördermaximum beim Kohleabbau in den US-Lagerstätten von Virginia zu erkennen, die rechte Grafik zeigt die Prognose der EWG.

Kohleförderung Virginia

 
 

Kohle EWG

 



 

Und wenn ich mein Auto auf Erdgasbetrieb umrüste?

Als individuelle Lösung ist das sicher mittelfristig keine schlechte Idee. Flüssiggas und Erdgas als Kraftstoff unterliegen noch bis 2018 einem ermäßigten Energiesteuersatz, daher dürfte sich eine Umrüstung für die nächsten Jahre noch lohnen. Wenn allerdings genügend viele Kfz mit diesen Treibstoffen unterwegs sind, wird der Staat kaum auf die Steuereinnahmen verzichten wollen (mit denen ja schließlich auch Straßenbau usw. finanziert werden), tendenziell wird es also sicher nicht billiger sein, auf diese Alternative zum Erdöl umzusteigen. Und selbstverständlich ist auch Erdgas nicht in unendlichen Mengen verfügbar, einige Forscher nehmen an, dass ein entsprechendes Hubbert-Maximum bereits um 2020 erreicht ist. Die folgenden Grafiken zeigen die Prognose der EWG zur europäischen Erdgasversorgung (links) und die aktuellste (2007) Prognose der ASPO zur Entwicklung der Förderung von Erdöl (unten, dichter gepunktet) und Erdgas (oben, leichter gepunktet).

 

Erdgas EuropaASPO 2007

Neben der Frage der langfristigen Verfügbarkeit ist es außerdem auch hier fraglich, wie schnell eine Infrastuktur aufgebaut werden kann, die im nennenswerten Umfang die zurückgehende Ölförderung ausgleichen kann. Und je mehr Erdgas als Ersatz für Zwecke herangezogen würde, die derzeit das Erdöl erfüllt, desto knapper wäre wiederum die Versorgung und desto höher der Preis.

 


 

Aber es gibt doch Ölsand und andere „unkonventionelle“ Kohlenwasserstoffe, Methan zum Beispiel?

Es gibt tatsächlich noch jede Menge anderer potenzieller „fossiler Brennstoffe“, deren Ausbeutung bis jetzt nicht oder nur halbherzig in Angriff genommen wurde, weil Erdöl in ausreichenden Mengen vorhanden und sehr billig war. Dazu gehören vor allem:

  • Ölsande – im Prinzip Öllagerstätten, die durch tektonische Verschiebungen an die Oberfläche gelangt und dabei „ausgetrocknet“ sind.

  • Ölschiefer – im Prinzip Öllagerstätten, die nicht in der hinsichtlich Temperatur und Druck für die Ölentstehung notwendigen Tiefe liegen.

  • Methanhydrat – ebenso wie Erdgas und Erdöl aus mikrobiellen organischen Rückständen entstanden, aber nicht durch spätere Sedimentschichten überdeckt, sondern bei ausreichend tiefer Wassertemperatur und ausreichend hohem Druck auf dem Meeresboden verblieben.

Ölschiefer und Ölsande werden bereits mit hohem technischen Aufwand gefördert, für Methanhydrate existieren Planungen. Im Grunde gilt aber hier dasselbe wie für die Kohleverflüssigung: Die Herstellung ist sehr viel teurer als die Förderung von Erdöl, es ist fraglich, ob die Errichtung einer entsprechenden Infrastruktur rechtzeitig möglich ist, und bei Herstellung und Verbrennung entsteht überproportional viel Kohlendioxid. Methanhydrate sind sogar noch gefährlicher, weil ihr Abbau zu Instabilitäten bei den Kontinentalsockeln führen könnte und durch die unvermeidbare Freisetzung großer Methanmengen eine enorme Beschleunigung des Treibhauseffekts zu erwarten wäre.

Auch die Kosten sind ein gewichtiger Faktor. Genau wie bei der Flüssigkohle sind Aussagen wie „ab einem Barrelpreis von XY wird Z konkurrenzfähig“ stets mit Vorsicht zu genießen – für die Herstellung oder Förderung von Z sind Energie und Rohstoffe erforderlich, steigen also die Preise dafür, steigen auch die Kosten. So stöhnten die Firmen, die Ölsande in der kanadischen Provinz Alberta fördern, im Sommer 2008 unter den hohen Kosten für Treibstoff (Diesel für die Lkws), Stahl (Verschleißmaterial für die riesigen Bagger) und Personal (nicht ausreichend Spezialisten vorhanden). Für das Erreichen der Gewinnschwelle bei neuen Projekten wurde im September 2008 ein Barrelpreis von 85 US-Dollar angenommen (Link leider nur auf Englisch verfügbar), das sind 31 Prozent mehr als im Vorjahr, und es ist nicht allzu weit vom damaligen Preis für Rohöl entfernt, der um die 100 US-Dollar pendelte. Inzwischen dürften die Kosten wieder zurückgegangen sein, aber dafür plagt die Kreditkrise, und potenzielle Geldgeber werden sich also genau überlegen, ob angesichts des Auf und Ab der Ölpreise Investitionen hier wirklich lohnend sind.

Wohlgemerkt, es geht hier nicht um Technik, sondern vor allem um die Rentabilität: In technischer Hinsicht mag es theoretisch möglich sein, den Rückgang der Welt-Ölproduktion durch massiven Einsatz finanzieller und sonstiger Mittel bei der Förderung der unkonventionellen Öle aufzuhalten oder sogar umzukehren – realistisch betrachtet steht für die Energiegewinnung nur ein begrenzter Teil des Weltwirtschaftsproduktes zur Verfügung, damit nicht allen anderen Sektoren die Luft abgeschnürt wird. Und wenn der Aufwand für die Gewinnung und demzufolge auch der Preis pro Energieeinheit steigt, muss eben die verfügbare Energiemenge abnehmen.

 


 

Ich habe gelesen, dass Erdöl „abiotisch“ in der Erdkruste aus Methan entstehen soll – dann ist es doch eigentlich unendlich verfügbar, oder?

Die „abiotische“ Entstehung von Erdöl ist ein besonderes Steckenpferd all jener, die hinter jedem Phänomen politischer und wirtschaftlicher Art das Wirken finsterer Verschwörungen sehen. Die Idee an sich ist durchaus nicht abwegig und geht in ihren modernen Versionen meist auf den US-amerikanischen Physiker Thomas Gold zurück, ist aber eigentlich eine Erfindung russischer Geologen: Wie wäre es, wenn sich Erdöl in der „tiefen heißen Biosphäre“ (so Golds Bezeichnung) als Stoffwechselprodukt anaerober Mikroorganismen bilden würde, die sich von unterirdischen Methanvorkommen ernähren? Der Kohlenwasserstoff Methan kommt auf anderen Planeten des Sonnensystems reichlich vor, prinzipiell wäre das also denkbar.

Wenn nicht die sogenannten „Bio-Marker“ im Erdöl wären, etwa das Isotopenverhältnis von C12 zu C13, das auf einen biogenen Ursprung hinweist, oder bestimmte Moleküle, deren Herkunft eindeutig zu bestimmen ist:

Gelegentlich führen Kerogenbestandteile auch Relikte organischer Verbindungen von eindeutig biologischer Zuordnung, die ihre molekulare Identität trotz intensiver Umwandlungsprozesse im Sediment offenbar bewahren konnten. Bei solchen „Biomarker“-Molekülen oder „Chemofossilien“ handelt es sich in der Regel um Verbindungen mit einer äußerst widerstandsfähigen Molekülstruktur wie etwa organische Pigmente oder spezielle Kohlenwasserstoffketten. (Quelle)

Der konventionellen (und weithin akzeptierten) Theorie zufolge sind Erdöl und Erdgas in Zeiten entstanden, die sich durch einen enorm hohen atmosphärischen Kohlendioxidgehalt und einen entsprechend monströsen daraus resultierenden Treibhauseffekt auszeichneten. Durch die hohen Temperaturen wurden demnach flache Randmeere zu „Todeszonen“, in denen der Sauerstoffgehalt nicht mehr ausreichend war, um eine aerobe Zersetzung abgestorbener Mikroorganismen zu ermöglichen, die sich daraufhin in dicken Schichten auf dem Meeresboden ansammelten, sedimentiert wurden und schließlich durch tektonische Verschiebungen in eine Tiefe gerieten, in der Druck und Temperatur für eine Verflüssigung bzw. Vergasung ausreichend waren. Die hervorragende australische Dokumentation Crude - The Incredible Journey of Oil ist meines Wissens bisher von keinem deutschen Sender übernommen worden, bietet aber für Englischkundige eine hervorragend populärwissenschaftlich aufbereitete Einführung in das Thema im Internet.

Wer‘s nicht glauben will, glaubt‘s natürlich nicht. Es könnten ja geheime Mächte im Spiel seinl, die uns die Wahrheit vorenthalten und den Zugang zu unserem sauer verdienten Öl verwehren, um uns zu versklaven und Mikrochips ins Gehirn pflanzen zu können... Die seit zwei Jahrzehnten ungebrochene Popularität von Verschwörungstheorien im öffentlichen Bewusstsein (Akte X, UFOs, Mondlandung, 9/11) ist in dieser Hinsicht nicht gerade hilfreich. Im deutschsprachigen Raum wird die Theorie der abiotischen Ölentstehung vor allem von einem gewissen „Dr.phil. Siegfried Emanuel Tischler“, angeblich ein „österreichischer Geowissenschaftler“, verbreitet, über dessen wahren Namen und Hintergrund nichts in Erfahrung zu bringen ist (ein promovierter Geologe wäre allerdings ein „Dr. rer. nat.“). Herr Tischler veröffentlicht vorzugsweise auf dubiosen Verschwörungs-Websites und in einem einschlägigen Esoterik-Magazin, auf dessen Titelseite dann nach dem „Großen Ölschwindel“ die „Bilderberger“ die „neue Weltordnung“ planen. Eine Spur seriöser ist da vielleicht William F. Engdahl, der es 2006 mit der Erdöl-Abiotik immerhin in den Freitag schaffte, beruflich aber auch kein Geologe, sondern an der FH Wiesbaden als Lehrbeauftragter für Wirtschaftsenglisch tätig ist. Der Job scheint ihn aber nicht auszufüllen, da er offenbar Zeit für raumgreifende publizistische Tätigkeiten hat. Bereits im Jahr 2000 hat er z.B. in der Neuen Solidarität den baldigen Untergang des Weltfinanzsystems vorhergesehen und die Verschwörung zur Erhöhung des Ölpreises aufgedeckt. Sein Gegenmittel damals: „LaRouches Notprogramm für die Weltwirtschaft (siehe auch den Kommentar) muß durchgesetzt werden, bevor es zu spät ist.“ Gemeint ist hier Lyndon LaRouche.

Hören wir uns lieber an, was der US-amerikanische Geologe Geoffrey P. Glasby zum Thema zu sagen hat, der 2002 in Russland studierte und dort von den russischen Varianten der abiotischen Theorie hörte. Er lehnte sie nicht von vornherein ab und entschloss sich während eines Studienaufenthalts in Japan Probebohrungen durchzuführen, um ihre Gültigkeit zu beweisen. Das Ergebnis war eher ernüchternd, und in der abschließenden Studie bilanziert Glasby:

Eine der wesentlichen Behauptungen der russisch-ukrainischen Theorie der abiotischen Bildung von Kohlenwasserstoffen ist die, dass sie große Erfolge bei der Entdeckung von Öl- und Gaslagerstätten im kristallinen Sockelgestein gehabt hätte. Es scheint allerdings heute, dass die großen Felder der Wolga-Ural-Region, des nördlichen Urals und Westsibiriens nicht infolge der Anwendung dieser Theorie gefunden wurden, sondern durch den Einsatz herkömmlicher Erkundungstechnik, bei der „das Bohrloch das letzte Wort hatte“. Darüber hinaus werden die Erdölressourcen im Dnjepr-Donez-Becken in jüngsten Untersuchungen des U.S. Geological Survey vollständig im Rahmen der herkömmlichen Erdölgeologie abgehandelt, ohne dass eine abiotische Quelle von Kohlenwasserstoffen auch nur erwähnt würde. (...) In der Tat ist diese Theorie heute in der Früheren Sowjetunion mehr oder weniger vergessen und im Westen so gut wie unbekannt. (...)

Die Tiefenentstehung gasförmiger Kohlenwasserstoffe nach Thomas Gold basiert auf der Annahme, dass tiefe Bruchlinien eine wesentliche Rolle bei der fortlaufenden Wanderung von Methan und anderen Gasen an die Erdoberfläche spielen und dass dieses Methan dann in den oberen Schichten der Erdkruste in Erdöl und Erdgas umgewandelt wird. Für eine solche Reaktion sind allerdings die dort herrschenden Bedingungen in thermodynamischer Hinsicht nicht günstig, was sich auch durch die Anwesenheit von Bakterien nicht ändern würde. Weiterhin haben die Tiefenbohrungen im Meteoritenkrater von Siljan keine überzeugenden Beweise für einen vorherrschenden Ursprung der dortigen Kohlenwasserstoffformation im Erdmantel ergeben. Diese Theorie ist daher ungültig.

 


 

Was ist mit Biodiesel, Ethanol, Wasserstoffzellen, Elektroautos?

All das gibt es schon seit langer Zeit, teilweise seit sehr langer Zeit. Bereits Rudolf Diesel dachte an die Verwendung von Pflanzenöl als Treibstoff für den von ihm verwendeten Motor, Henry Ford bezeichnete 1925 Äthanol als „Treibstoff der Zukunft“ und plante es für den Antrieb seines berühmten „T-Modells“ ein, die erste Brennstoffzelle wurde unglaublicherweise schon 1838 von dem deutsch-schweizerischer Chemiker Christian Friedrich Schönbein gebaut, das erste praxistaugliche Elektroauto auf der Internationalen Elektrizitätsausstellung 1881 in Paris von dem Ingenieur Gustave Trouvé vorgestellt.

Warum man bisher keine dieser Technologien im großen Stil eingesetzt hat? Es gab keinen Anlass dafür – Öl war reichlich und billig vorhanden. Ist nun mit einer Welle „grüner“ Automotoren zu rechnen, da Öl ja offenbar knapp und teuer wird? Höchstens im beschränkten Maße. Das hat verschiedene Gründe, liegt aber vor allem daran, dass Öl als Energieträger unübertroffene Qualitäten besitzt: Es stellt sozusagen prähistorisches Sonnenlicht in hochkonzentrierter Form dar, und seine Gewinnung war bisher im Vergleich zu seinem Energiegehalt mit vergleichsweise trivialem Aufwand verbunden. Darüber hinaus es ist hochgradig lager- und transportfähig und die verfügbare Menge konnte bisher immer weiter gesteigert werden, ohne auf Flächen- oder sonstige Beschränkungen achten zu müssen. Der ideale Treibstoff für den zweiten Abschnitt der industriellen Revolution also.

All dies gilt nicht für Biodiesel, Ethanol, Wasserstoffzellen oder Elektroautos. Wie in dem Beitrag „Warum gibt es keine einfachen Alternativen?“ dargelegt, ist derzeit kein Energieträger verfügbar, der Öl wirklich „ersetzen“ könnte, bei allen gibt es Beschränkungen hinsichtlich potenzieller Verfügbarkeit, Energiebilanzen bei der Herstellung oder Transportfähigkeit. Vermutlich wird es in Zukunft trotzdem eine nicht unbeträchtliche Zahl von Fahrzeugen geben, die mit pflanzlichen Treibstoffen, Elektrizität oder sogar Wasserstoffzellen betrieben werden – Massenmobilität in dem uns bekannten Ausmaß wird damit sehr wahrscheinlich nicht möglich sein.

 




Und wenn wir ganz viele Kernkraftwerke bauen und nur noch elektrische Energie nutzen?

Zunächst einmal spricht vieles dafür, dass auch der Abbau von Natururan einer Hubbert-Kurve folgt, die irgendwann in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten ihr Maximum erreichen wird. Derzeit werden weltweit gut 400 Reaktorblöcke betrieben, die etwa 16 Prozent des weltweit erzeugten Stroms und 6 Prozent der gesamten Primärenergie liefern. Um also einen signifikanten Anteil des Ölverbrauchs (37 Prozent der Primärenergie) zu ersetzen, müssten nicht hunderte, sondern tausende neue Kraftwerke gebaut werden. Abgesehen von den enormen dafür notwendigen Investitionen – wie lange würden wohl in diesem Fall die Uranvorräte noch reichen?

Hier hilft es wenig, auf neue Technik oder eine Urangewinnung aus dem Ozean zu hoffen. Weder existiert eine kommerziell nutzbare Brütertechnologie noch ein Verfahren, mit dem man die in jedem Liter Meerwasser enthaltenen 3 Mikrogramm Uran im vernünftigen Maßstab technisch gewinnen könnte. Und es steht zu erwarten, dass ein solches Verfahren auch nie erfunden wird: Ein einziger konventioneller Spaltreaktor mit 1000 Megawatt elektrischer Leistung „verbrennt“ ca. 6 Gramm Uran pro Sekunde, bei einer Extraktion mit 20-prozentiger Effizienz müssten also pro Sekunde 10000 Kubikmeter Meerwasser verarbeitet werden, um diesen einen Reaktor zu versorgen. Zum Vergleich: Der Rhein entlässt an seiner Mündung ca. 2000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in die Nordsee. (Näheres im Beitrag „Die nukleare Option – Tatsachen und Trugbilder“)

Selbst wenn wir also die irrsinnige Entscheidung treffen würden, unsere Kinder und Kindeskinder über Jahrhunderte hinweg mit einem aus hochgiftigen radioaktiven Abfällen bestehenden Erbe bedenken zu wollen, wäre dies nur ein sehr kleiner Tropfen auf einen sehr heißen Stein, sowohl was die Klimawirkung als auch was die Linderung der Folgen des Hubbert-Maximums angeht. Die paar Reaktoren, die wir angesichts der drohenden schweren Weltwirtschaftskrise und der damit einhergehenden Knappheit aller Mittel vielleicht noch bauen werden, sind im Wesentlichen ein Sondermüllproblem.

 




Wenn das alles so ist, warum hört man denn in den Medien nichts davon?

Nachdem das Hubbert-Maximum lange Jahre von den Hauptmedien mehr oder weniger ignoriert wurde, zeichnet sich langsam, aber sicher eine Wende ab. Bereits 2006 stellte das Spiegel special Rohstoffe die Hubbert-Theorie einem größeren Publikum vor, im selben Jahr und 2007 liefen zwei wichtige Rundfunkbeiträge des Journalisten Paul Nellen auf WDR5 und im Deutschlandfunk, die ZEIT berichtete 2006 und in weiteren Beiträgen, die Süddeutsche Zeitung stellte – nach einem unpassend spöttelnden Beitrag 2006 – im Juni 2008 bereits die bange Frage, ob wir nun alle Selbstversorger werden müssten. Im Juli 2008 erreichte das Thema durch einen größeren Artikel in der Bild-Zeitung auch die Werkskantinen und Trinkhallen der Republik. Inzwischen dürften die meisten Print-Medien das Thema unter der Bezeichnung „Peak Oil“, „Ölfördermaximum“, „Ölkrise“ usw. in irgend einer Form behandelt haben.

Etwas zögerlich zog das Fernsehen nach: Auf Arte gab es einen Themenabend mit dem Film „Ein böses Erwachen – Der Ölcrash“ von Basil Gelpke und Ray McCormack (siehe die Medienecke), RTL2 zeigte unter dem Titel „Ausgebrannt – Eine Welt ohne Öl“ eine Sendung zum Thema, sogar das ZDF-Auslandsjournal und der unvermeidliche Professor Harald Lesch von „Abenteuer Forschung“ haben die drohende Ölknappheit inzwischen behandelt, ebenso der deutsche History Channel. Während des starken Anstiegs der Ölpreise im Frühjahr 2008 tauchte sogar Professor Blendinger von der deutschen ASPO als Interviewpartner auf n-tv auf.

Was fehlt, ist aber immer noch ein Sinn für die Dringlichkeit des Problems. Meist enden die Artikel oder Filmbeiträge mit vagen Hoffnungen und dem Ausblick, der technische Fortschritt und der Ausbau der erneuerbaren Energien würden es schon „irgendwie richten“. Viele der heute maßgebenden Journalisten wurden in den 1970ern und 1980ern sozialisiert, als Katastrophenszenarien über das Ende des Erdöls, den sauren Regen, das Waldsterben oder die unaufhaltsame Desertifikation der Subtropen im Wochenrhythmus in die Medien gelangten. Vermutlich will man heute mit dem typischen Eifer des Konvertiten, dem sein alter Armeeparka mit dem Anti-Atomkraft-Aufnäher peinlich ist, um alles in der Welt den Eindruck vermeiden, man wolle ähnlich düstere Zukunftsprognosen verbreiten. Also muss die Lage, die realistisch betrachtet ausreichend Gründe zur Verzweiflung gibt, immer mit einem Quäntchen Hoffnung gemischt werden. Das ist zumindest etwas kurzsichtig – schließlich sind die deutschen Waldbäume nicht weniger krank als vor 25 Jahren, auch wenn sie nicht alle mit einem Mal tot umgefallen sind, und das Artensterben und der Verlust von Naturräumen haben inzwischen tatsächlich bedrohliche Ausmaße angenommen. Vor allem aber wird das Problem des Hubbert-Maximums nicht für sich betrachtet und anhand der – hier einzig zutreffenden – geologischen und physikalischen Realitäten bewertet, sondern in einen vagen Kontext von „Öko-Katastrophismus“ gestellt, dem dann in der Regel ein nicht weniger alberner Fortschrittsglaube entgegen gestellt wird.

Es gibt eine Fabel Äsops („Der Hirtenjunge und der Wolf“), die keinen Eingang in die klassischen deutschsprachigen Sammlungen gefunden hat und daher bei uns fast unbekannt ist, im englischsprachigen Raum aber hingegen unter dem Titel „The Boy Who Cried Wolf“ Allgemeingut ist. Es geht darin um einen Hirtenjungen, der so lange blinden Alarm wegen angeblicher Wolfsattacken schlägt, bis ihm keiner mehr glaubt. Am Ende kommt tatsächlich ein Wolf, aber niemand reagiert mehr auf die Hilferufe. So scheint es uns heute auch zu gehen.

 

 




Warum tun die Politiker nichts?

 

Weil sie gewählt werden wollen. Als der US-amerikanische Physiker Robert Hirsch 2005 vom US-Energieministerium gebeten wurde, einen Bericht über die möglichen Folgen des Hubbert-Maximums für Wirtschaft und Politik zu verfassen, kam er zu einem verstörenden Ergebnis:

Wenn mit einem Crash-Programm zur Bekämpfung des Ölfördermaximums gewartet wird, bis das Maximum erreicht ist, würde dies bedeuten, dass die Welt zwei Jahrzehnte lang unter einen erheblichen Mangel an Flüssigtreibstoffen zu leiden hätte. Wird das Crash-Programm 10 Jahre vor Erreichen des Maximums initiiert, wären immer noch zehn Jahre Treibstoffmangel zu erwarten. Beginnt man mit dem Crash-Programm 20 Jahre vor dem Maximum, scheint es möglich sein, Ausfälle der Flüssigtreibstoffversorgung für den Prognosezeitraum zu vermeiden. [...] Falls die Gegenmaßnahmen nicht ausreichend sind bzw. zu spät kommen, würde sich ein Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage durch massiven Nachfragewegfall (Verknappung) einstellen, mit anderen Worten, es käme zu erheblicher wirtschaftlicher Not. („Hirsch-Report“)

Hand aufs Herz: Wenn irgendeine Partei bei den Bundestagswahlen 1998 ein Programm aufgestellt hätte, in dem eine massive Reduktion des deutschen Energieverbrauchs im Hinblick auf ein möglicherweise zwanzig Jahre später eintretendes Ereignis gefordert worden wäre – hätten Sie dieser Partei Ihre Stimme gegeben...? Politiker denken nicht in Zeiträumen von zwanzig Jahren. Die meisten Wähler denken nicht in Zeiträumen von zwanzig Jahren. Wenn der große Krach erst kommt, werden viele von uns unsere gewählten Vertreter beschuldigen, uns nicht rechtzeitig informiert und keine vorausschauende Politik betrieben zu haben. Wir sollten immer daran denken, dass jede Regierung letzten Endes auch ein Spiegel der von ihr Regierten ist.

 

 

 

 

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 25. November 2008 um 20:52 Uhr